VISUAL PAST

A Journal for the Study of Past Visual Cultures

VISUAL PAST 1, 2014, 1—3

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Editorial 2014

Jacobus Bracker/Martina Seifert

[S. 1] Kaum ein Jahrhundert ist vergangen, dass geschrieben wurde, es sei „ein höchst gefährliches Experiment, das zwar gelegentlich einmal glücken kann, aber zum Prinzip erhoben direkt gemeingefährlich wirkt“. Das Experiment, vor dem Carl Robert 1919 seine Leser so eindringlich warnt, ist das Deuten von Bildwerken aus Aufstellung, Umgebung, Pendants und Fundort. Es solle besser versucht werden, jedes Bildwerk nach Möglichkeit aus sich selbst zu erklären. 1

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts hat sich nun dennoch — begleitet von der Ausrufung verschiedener turns, namentlich des pictorial, des iconic und des visual turn — in den Kultur- und Geisteswissenschaften ein neues Forschungs- und Problemfeld manifestiert, das im anglo-amerikanischen als visual culture studies und im deutschsprachigen Raum als Bildwissenschaft bezeichnet wird. 2 Dessen Gegenstand oder Phänomenbereich und kulturwissenschaftliche Perspektivierung sind über die Analyse von Bildern im engeren Sinne hinaus die der Objekte und Praktiken des Sehens sowie Fragen der Bedeutungskonstruktion und -übermittlung im visuellen Bereich. Nicht bloß eine bildimmanente, sondern die Untersuchung visueller Welten in ihren soziokulturellen und historisch-spezifischen Formen und Kontexten steht im Mittelpunkt.

1 C. Robert, Archaeologische Hermeneutik. Anleitung zur Deutung klassischer Bildwerke (Berlin 1919) 232. 259.

2 Bildwissenschaft und visual culture studies sind je nach konkreter Ausrichtung nicht deckungsgleich, aber jeweils interdisziplinär ausgerichtet. Die Bildwissenschaften betonen mehr die Grundsatzfragen nach dem Begriff des Bildes aus philosophischen und ästhetischen Blickwinkeln, während die visual culture studies eher die Wahrnehmungspraktiken untersuchen. Je nach konkreter Ausrichtung gibt es aber eine Reihe von Überschneidungen. — Vgl. zum Ganzen den Überblick bei Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften (4. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2010) 329–380.

[S. 2] Die Erforschung vergangener Kulturen beruht zu einem großen Teil auf der Interpretation von Artefakten, die als materielle Äußerungsformen dieser Kulturen ein entsprechendes Erkenntnispotential aufweisen. Diese Artefakte sind bereits zur Zeit ihrer Entstehung in visuelle Kontexte eingebunden gewesen. Das gilt einerseits für Bilder wie etwa auf keramischen Gefäßen, in Form von Wandmalereien, Reliefs oder Skulpturen, aber auch für architektonische Strukturen oder urbane Gestaltungen. Es liegt also nicht fern, den Versuch zu unternehmen, die Fragestellungen der visual culture studies in der kulturgeschichtlichen Forschung anzuwenden.

Für ein Fach wie die sogenannte Klassische Archäologie, das sich in Deutschland in den 1970er Jahren weg von einer klassizistisch-idealisierenden Altertumskunde hin zu einer sozialwissenschaftlich und kulturanthropologisch ausgerichteten Archäologie zu entwickeln begonnen hat, 3 erscheint dies auch konsequent. 4 Die visual culture studies widmen sich nicht nur den Produkten vermeintlicher Hochkulturen und besonderen künstlerischen Hervorbringungen, sondern — wie die cultural studies und die neueren Tendenzen in der Kulturgeschichte — den visuellen Aspekten von Kulturen insgesamt. Das hergebrachte Spektrum der Methoden der Bildanalyse — Ikonografie, Ikonologie, formale Ästhetik, Stilanalyse — wird von weiteren theoretischen Zugängen bereichert: Zu nennen sind die produktorientierten Methoden wie die Semiotik, die Psychoanalyse und die Diskurstheorie. Hinzu kommen die produktionsorientierten Methoden, die sich mit den materiellen und technologischen Bedingungen der Bildproduktion und visuellen Wahrnehmungsweisen auseinandersetzen und schließlich die rezeptionsorientierten, die die signifizierende Aktivität der rezipierenden Subjekte in den Blick nehmen. 5

Auch wenn die oben genannten turns maßgeblich mit der Annahme zusammenhingen, dass die technischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts — die neuen Möglichkeiten der Reproduzierbarkeit, die neuen Massenmedien von der Fotografie bis zum PC — eine Bilderflut ungekannten Ausmaßes erzeugten, die es erforderlich machten, moderne Kulturen unter dem Aspekt

3 Eine Wende, die etwa ab den 1970er Jahren von Burkhard Fehr, Herbert Hoffmann und Lambert Schneider eingeleitet wurde und die sich in Hamburg in der Fachbezeichnung Archäologie und Kulturgeschichte des antiken Mittelmeerraums spiegelt.

4 In der Klassischen Archäologie sind erste Ansätze für solche Forschungsausrichtungen erkennbar. So wurde beispielsweise im Jahr 2013 das Kiel-Hamburg-Aarhus Network for the Study of Ancient Visual Culture (KHAN) gegründet.

5 Vgl. S. Prinz — A. Reckwitz, Visual Studies, in: S. Moebius (Hrsg.), Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual Studies (Bielefeld 2012) 180.

[S. 3] des Visuellen neu zu betrachten, so steht doch heute außer Frage, das eine solche Perspektivierung gerade auch für vergangene Kulturen, insbesondere schriftlose oder solche mit geringer Alphabetisierung, in denen also Bilder und Visualitäten als Träger von Botschaften von hoher Bedeutung sind, kaum ausgeblendet werden kann.

Es geht dabei nicht nur um die Analyse der vergangenen visuellen Welten, sondern ebenso um nachfolgende Visualisierungen, Imaginierungen und Inszenierungen, zum Beispiel in musealen, filmischen oder künstlerischen Kontexten, die als Konstruktionen oder Aneignungen antiker Bildwelten das kulturhistorische Interesse auf sich ziehen.

Es ist das Anliegen dieser neuen Zeitschrift „Visual Past“, die als frei zugängliche Online-Zeitschrift auf der Website http://www.visualpast.de erscheint, besonders denjenigen Forschungen ein Forum zu geben, die sich kulturgeschichtlichen Sachverhalten aus der angedeuteten Perspektive nähern wollen. Der Titel nimmt offensichtlich auf das Feld der visual culture studies Bezug. Es soll damit aber keine programmatische Ausrichtung verknüpft sein, sondern auf den Diskussionszusammenhang verwiesen werden, der ohnehin noch keine Paradigmen erkennen lässt; die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Strömungen der Bildwissenschaft, der visual culture studies und traditionellen Ausrichtungen bleibt den Autoren dieser Zeitschrift überlassen. Die fachliche Ausrichtung ist offen. Wenn in kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen überhaupt von einem anerkannten Paradigma gesprochen werden kann, so ist es das der Interdisziplinarität. Archäologische und kunsthistorische Beiträge sind also in der Diskussion ebenso erwünscht wie beispielsweise solche aus den Medien- und Kommunikationswissenschaften, den Kognitionswissenschaften oder der Ethnologie.