VISUAL PAST

A Journal for the Study of Past Visual Cultures

VISUAL PAST 1, 2014, 7—12

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Tagungsbericht Die Kunst der Rezeption

Jacobus Bracker/Ann-Kathrin Hubrich

[S. 7] Unter dem Titel Die Kunst der Rezeption/The Art of Reception fand vom 28. bis 30. November 2013 an der Universität Hamburg eine inter- und transdisziplinäre Tagung statt. Während Inter- und Transdisziplinarität seit dem iconic und dem pictorial turn immer wieder als unabdingbar für die Auseinandersetzung mit Bildern notwendige Forschungshaltungen beschworen werden, stellen sich die Umsetzungen solcher Forderungen aus den Diskursfeldern der Bildwissenschaften und visual culture studies häufig genug weiter als disziplinär befangene Praktiken dar. Autorin und Autor dieses Berichts verfolgten im Rahmen der Organisation der Tagung daher mit der Wahl des explizit bildwissenschaftlichen Themas nicht nur das Ziel, aktuellen Tendenzen der Rezeptionsforschung ein Forum zu geben, sondern auch, die Grenzen und Möglichkeiten des fächerübergreifenden Forschens auszuloten. Tatsächlich gelang es, Referierende aus einem breiten Spektrum von Fächern zu gewinnen, unter anderem aus Kunstgeschichte und Kunstwissenschaft, Kulturwissenschaft und Archäologie, Philosophie, Medienwissenschaften und verschiedenen Philologien.

Der Titel der Tagung assoziiert zahlreiche Problemfelder im Bereich der Rezeptionsforschung, die in vielfältiger Weise von den Referierenden vorgestellt und diskutiert wurden. Im Call for Papers wurde vor allem der Bereich der Bildwanderungen als für die Kunst- und Kulturwissenschaften vielversprechender Untersuchungsgegenstand angesprochen und damit die Untersuchung von Phänomenen durch die Epochen hindurch wandernder Motive, Stile und Formen thematisiert. Während der Tagung wurden jedoch ebenso Fragen der Wissenschaftsrezeption und der Rezeptionsästhetik behandelt.

Mit dem einleitenden Abendvortrag von Susanne Moraw wurde der erstgenannte Bereich der Bildwanderungen angesprochen: Moraw zeigte die mittelalterliche Neuinterpretation von Odyssee-Motiven auf und bettete diese in ihren zeitgeschichtlichen Kontext. Die Konfrontation des

[S. 8] Helden Odysseus mit den Sirenen sowie der Skylla dienten ihr als Beispiele, um die christliche Allegorese der Odysseus-Figur im Mittelalter sowie spezifische Geschlechtervorstellungen im Vergleich zwischen Antike und Mittelalter aufzuzeigen.

Die Kunst des Zitats bildete den Einstieg in den ersten Tagungstag. Nina Heydemann stellte anhand ausgewählter Beispiele Darstellungsstrategien des Zitats vor und darauf aufbauend eine Methode zur systematischen Kategorisierung des Phänomens Kunstzitat. Die Ausführungen basierten auf empirisch gesammelten Daten, die Kunstzitate internationaler Künstler im Zeitraum von 1990 bis 2010 umfassen und deren Auswertung ferner die Internationalität des Phänomens Kunstzitat unterstreicht.

Der Strategie des Zitats bedient sich auch die Künstlerin Remedios Varo, die im Fokus des Vortrages von Linn Burchert stand. Geschichtsdenken, Wissenskategorien und Geschlechtervorstellungen werden bei Remedios Varo zentral behandelt und dekonstruiert. Burchert behandelte die Rezeptionsprozesse in Varos Werken, die zu einer Vergegenwärtigung und Verbindung von Wissen führen und damit einen Reflexionsprozess auslösen. Es zeichnet sich ab, dass die Strategie des Bildzitats einen Aushandlungsraum für die Kritik an Konventionen und die Neuperspektivierung der Gegenwart eröffnet.

Die Rezeption visueller Erzählstrategien stand im Mittelpunkt des Beitrags von Jacobus Bracker. Am Beispiel des Motivs der Danaë mit dem Goldregen, das von rotfigurigen attischen Gefäßen des 5. Jh. v. Chr. durch die Renaissance bis in die Gegenwart wandert, wurde aufgezeigt, dass die unterschiedliche Inszenierung eines solchen Motivs in unterschiedlichen — als Erzählgemeinschaften begriffenen — Kulturen jeweils verschiedene Bedeutungen in Bezug nimmt und damit in ganz verschiedener Weise am Prozess kultureller Identifizierung teilhaben kann.

Mit dem Vortrag von Hanna Brinkmann und Laura Commare aus Wien wurde nun am Beispiel einer Methode des eye-tracking der Bereich der Rezeptionsästhetik und Wahrnehmungstheorie angesprochen. Die Blickbewegungsforschung als empirische Methode eröffnet für die Kunstgeschichte eine neue Perspektive, indem theoretische Annahmen zur Wahrnehmung von Kunst überprüfbar gemacht werden können. Mit Eye-Trackern werden in Studien die Blickbewegungen der Betrachter aufgezeichnet. Die dabei erfassten numerischen Daten können durch algorithmische Verfahren sowohl statistisch wie auch visuell verarbeitet werden.

[S. 9] Die Frage nach der Bedeutung der empirischen Rezeptionsästhetik wird die Forschung wohl noch lange beschäftigen.

Rezeption von Bildern in ihrer identitätsstiftenden Funktion bildete den Ausgangspunkt für den Vortrag von Adriana Kapsreiter zu Sarkophagplastiken und ihren Ausschmückungen. Spätantike Sarkophagreliefs des 3. Jh. n. Chr. aus Rom stellen auch im christlichen Kontext ein Nebeneinander von nicht-christlichen und christlichen Szenen dar. Kapsreiter erläuterte dies mit Hilfe des rezeptionsästhetischen Ansatzes. Die Einheit einer solchen Ausstattung wird durch den christlichen Blick und damit eine spezifisch christliche Rezeption gestiftet und das Bildprogramm damit zu einem christlichen Ausdrucksträger, womit die besondere Rolle des Betrachters bei der Bedeutungskonstitution deutlich wird.

Bei Lara Viktoria Rath ging es um Collagearbeiten Hannah Höchs, die Gegensätze wie Fremde und Vertrautheit thematisieren. Die Dekonstruktion der Collagen und die Fokussierung auf die einzelnen Fragmente durch Rath führt dabei zu einer Aufhebung vermeintlicher Gegensätze, wie es neue Interpretationsmöglichkeiten der Collagen Höchs aufzeigen.

Mit der Frage nach der „Autorität der Antichen“ setzte Sebastian Dohe einen neuen Schwerpunkt. Kunstwerke bilden visuelle Autorität ab bzw. sie selbst haben den Status einer Autorität. Die Rezeption der Antike in der Frühen Neuzeit ist als vortreffliches Beispiel für dieses Modell anzusehen. Die Rezeption antiker Kunstwerke ist dabei einerseits die Bestätigung für die Autorität dieser, andererseits wird die Autorität für die rezipierenden Künstler und daraus entstehende Kunstwerke abgeleitet. Dohe erläuterte die Autoritätsbildungsprozesse sowie die rezeptionswissenschaftliche Perspektive dieser Statusbildung.

Bei Ann-Kathrin Hubrich ging es um die Visualisierung der Gerechtigkeit und die Strategien, die dabei verfolgt werden. Anhand des Lüneburger Niedergerichts, eines bis dato unzureichend erforschten Bildprogramms der Frühen Neuzeit, zeigte sie auf, inwiefern Rezeptionsprozesse zur Legitimation herrschaftlicher und juristischer Paradigmen beitragen.

Sadie Pickup widmete sich in ihrer Untersuchung der Aphrodite von Knidos des Praxiteles. Vor allem unter den Aspekten der Nacktheit und Gestik setzte sie sich mit der Rezeption in römischen und christlichen Kontexten auseinander. Aus Aphrodite wird Eva: der Titel des Vortrags

[S. 10] zeigt bereits die Spannbreite der Wandlungsfähigkeit des Untersuchungsgegenstandes auf.

Den Auftakt für den Tagungssamstag bildete der Vortrag von Fabienne Richter. Anhand des Ehrengrabes für Peter Joseph Leydig auf dem Mainzer Hauptfriedhof erläuterte Richter verschiedene Rezeptionsvorgänge und -strategien und damit den Bereich der Antikenrezeption in einem neuzeitlichen sepulkralen Kontext.

Danach fanden parallel zwei Workshops statt: John A. Bateman, Jennifer Henke und Janina Wildfeuer widmeten sich dem Ansatz einer dynamischen Diskursinterpretation visueller Narrative am Beispiel einer Comic-Analyse. Dabei sollen mithilfe zeitgenössischer Deutungsmechanismen aus der multimodalen Diskursanalyse und Textlinguistik sowie aus der literaturwissenschaftlich ausgerichteten Transmedialität neue Wege zur Beschreibung der Inferenz- und Interpretationsprozesse des Rezipienten aufgezeigt werden.

Im von Jeannet Hommers geleiteten Workshop ging es um das Sehen in Bewegung. Das räumliche Erleben von Architektur und der darin befindlichen Kunstwerke ist erst mit und durch die Bewegung des Rezipienten möglich. Das Verhältnis von Raum, Bewegung und Körper ist somit zentral und bildete den Schwerpunkt des Workshops. Hommers stellte Rezeptionsvorgänge an Fallbeispielen vor, die dann gemeinsam im Plenum diskutiert wurden. Mit ihrem Ansatz beschreibt Hommers eine dynamische Rezeptionsästhetik.

Anna Seidel führte am Beispiel von Gianlorenzo Berninis erster Brunnenskulptur die Folgen von Fehlinterpretation und mangelnder Kritik in der Rezeptionsgeschichte vor Augen. Mit ihrer Forschung konnte sie die bisherigen Annahmen über die Originalaufstellung der Neptungruppe Berninis rekonstruieren, die sie dem Plenum im Vortrag präsentierte.

Lisa Jureczko stellte in ihrem Vortrag Rezeptionsprozesse sowie Analysemethoden verschiedener Epochen vor, in dem sie wissenschaftsgeschichtlich die Paradigmen untersuchte, die zu einer bestimmten Betrachtungsweise des Cäsar- und Trajansporträts führten. Zeitgenössische Quellen, Legendenbildungen aus dem Mittelalter und physiognomische Interpretationen des Porträts spielten hierbei eine Rolle.

Ein weiteres Feld eröffnete Lars Christian Grabbe mit seinem Vortrag zur Logik der Immersion in rezeptionstheoretischer Perspektive. Immer-

[S. 11] sion bildet sich nach Grabbe im Spannungsfeld zwischen Akteur/Mensch und Werk aus. Immersion ist dabei der Prozess, der die Differenz zwischen Medium und Rezipient verringert oder im Sinne einer perfekten Illusion vielleicht sogar aufheben kann.

Der Samstagnachmittag wurde durch zwei Vorträge aus dem Bereich der Buchkunst bereichert. Rostislav Tumanov stellte das Kopenhagener Stundenbuch vor, das mit Gucklöchern versehen, ein ganz besonderes Artefakt aus dem Bereich der mittelalterlichen Andachtsbücher darstellt. Tumanov erläuterte die Lektüre eines solchen Andachtsbuches als einen Rezeptionsvorgang, der aufgrund eigener semantischer Ebenen der Miniaturen, die nicht als bloße Illustrationen des Gebetstextes verstanden werden, sondern den Seelenzustand des Rezipienten beeinflussen können, eine erhebliche Komplexität aufweisen kann.

Tanja Westermann widmete sich dem sog. Dante Historiato von Federico Zuccari, eine Illustrationsfolge der Divina Commedia Dantes, die bisher von der kunsthistorischen Forschung wenig Beachtung gefunden hat. Im Zuge ihrer Interpretationen der Zeichnungen zu Purgatorio X-XII stellt sie die These auf, dass es nicht vordergründig um den Paragone-Streit zwischen Kunst und Dichtung geht, sondern die Folge vielmehr eine Verbildlichung von universellen Bildungsansprüchen eines gelehrten Künstlers darstellt.

Mit den Vorträgen der Tagung konnte eine große Spannbreite an Themen zur Rezeption behandelt werden. Vor allem aus dem Bereich der Kunstgeschichte wurde sehr häufig der Bereich der Rezeptionsästhetik angesprochen, also die Frage der Wahrnehmung von Werken der bildenden Kunst durch ihre Betrachterinnen. Aus dem Bereich der Archäologie wurde oft eine spezielle Dimension des Rezeptionsbegriffs in den Blick genommen, nämlich die der Rezeption von antiken Bildwerken durch die archäologische Forschung, ein Bereich, der oft als Rezeptionsgeschichte bezeichnet wird. Diese Felder hängen eng zusammen, mindestens weil sie mittels strukturhomologer Analysemethoden untersucht werden können. Der trans- und interdisziplinäre Austausch erwies sich dabei als äußerst fruchtbar. Es stellte sich heraus, dass ein gemeinsames Erkenntnisinteresse vor allem im Bereich der Konstitution und Modifikation von Bedeutung in Rezeptionsprozessen lag. Auf der anderen Seite wurde sichtbar, dass in vielen Bereichen von ganz unterschiedlichen Paradigmen ausgegangen wurde, so etwa in der kulturwissenschaftlichen Perspektivierung und bei den Kulturbegriffen. Damit zeigte sich auch das erhebliche epistemische

[S. 12] Potential, das noch zur Verfügung steht und in interdisziplinären Translationsprozessen und über travelling concepts aktiviert werden kann. Die Ergebnisse der Tagung werden im Laufe des Jahres 2014 in deutscher und englischer Sprache publiziert. Diesbezügliche Informationen werden auf der Tagungswebsite (www.kunstderrezeption.de) zur Verfügung gestellt werden.

Da ein solches Tagungsprojekt vielseitige Unterstützung und zahlreiche helfende Hände und Köpfe benötigt, ist es uns ein besonderes Anliegen, uns dafür noch einmal ganz herzlich bei verschiedenen Menschen und Institutionen zu bedanken: Für großzügige finanzielle Unterstützung bedanken wir uns beim Deutschen Archäologen-Verband (dArV) und der Abteilung Archäologie und Kulturgeschichte des antiken Mittelmeerraums des Archäologischen Instituts der Universität Hamburg, beide vertreten durch Martina Seifert, und beim Fachschaftsrat des Kunstgeschichtlichen Seminars dieser Universität. Für Sachspenden bedanken wir uns beim Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, beim Bucerius Kunst Forum und bei den Verlagen Nünnerich-Asmus, Dölling und Galitz, Hirmer und Philipp von Zabern. Und nicht zuletzt bedanken wir uns bei vielen Menschen, vor allem Studierenden der Kunstgeschichte und der Klassischen Archäologie, die mit ihrem Engagement und ihrer Hilfsbereitschaft überhaupt erst die Voraussetzungen für einen gelungenen Tagungsablauf geschaffen haben.